Knirscht der First bei Wind oder hast du nach dem letzten Sturm einen Mörtelbrocken im Beet gefunden, ist das ein klassisches Frühwarnsignal — und es lässt sich erstaunlich gut vom Boden aus prüfen. Firstziegel sitzen auf dem höchsten Punkt des Dachs und bekommen Wind, Frost und Temperaturwechsel als Erstes ab. Genau deshalb lockern sie sich vor allen anderen Stellen.
Wichtig vorweg: Diese Diagnose findet komplett vom Boden, vom Fenster im Obergeschoss oder per Drohne statt. Den First selbst zu betreten ist die gefährlichste Stelle des ganzen Dachs, weil du dort über First und Traufe gleichzeitig abstürzen kannst.
Schritt für Schritt: First vom Boden prüfen
- Umfeld absuchen. Geh einmal um das Haus und schau in Regenrinne, Beet und auf die Terrasse: Mörtelbrocken, Tonsplitter oder ganze Ziegelstücke am Boden sind das eindeutigste Zeichen für einen offenen First.
- Firstlinie mit Fernglas abfahren. Stell dich mit genug Abstand schräg vor den Giebel, sodass du die komplette Firstlinie im Profil siehst. Ein 8×42-Fernglas reicht. Achte auf Ziegel, die höher stehen, schief sitzen oder eine sichtbare Lücke zum Nachbarziegel haben.
- Mörtelfugen kontrollieren. Bei alten, vermörtelten Firsten suchst du nach hellen Rissen, herausgebröckelten Fugen oder Stellen, wo der graue Mörtel fehlt und du das dunkle Ziegelinnere siehst. Bei modernen Trockenfirsten prüfst du, ob das Firstband (die Lüftungsrolle unter den Ziegeln) seitlich heraushängt oder gewellt ist.
- Gratlinien abfahren. Der Grat ist die schräge Kante, an der zwei Dachflächen zusammenstoßen — also bei Walmdächern und Gauben. Dort lösen sich Gratziegel besonders gern, weil sie nur an einer schmalen Linie aufliegen. Gleiche Prüfung wie beim First.
- Drohne für den Detailblick. Wenn du vom Boden Unsicheres siehst, fliegt eine Drohne in 3-5 Metern Abstand die Firstlinie ab und liefert dir scharfe Fotos jedes einzelnen Ziegels. Das ist gleichzeitig deine Dokumentation, falls eine Versicherung ins Spiel kommt.
- Foto-Vergleich über Zeit. Mach datierte Fotos. Sitzt ein Ziegel beim nächsten Sturm noch ein Stück weiter heraus, ist die Lockerung aktiv und kein Altzustand.

First, Grat und Ortgang — die Begriffe sauber trennen
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Damit du dem Dachdecker am Telefon präzise sagen kannst, wo das Problem sitzt, lohnt die kurze Begriffsklärung. Der First ist die waagerechte oberste Kante, an der die beiden Hauptdachflächen zusammenlaufen — die markante Linie, die du von der Straße aus als höchste Linie des Dachs siehst. Der Grat ist die geneigte, schräg nach unten laufende Kante, die nur bei Walmdächern, Krüppelwalmen und an Gauben vorkommt. Der Ortgang dagegen ist der seitliche Dachabschluss am Giebel — den verwechselt man leicht mit dem Grat, er ist aber eine andere Stelle. First und Grat sind die kritischen Linien, weil ihre Ziegel auf einer schmalen Auflage sitzen und dem Wind die volle Angriffsfläche bieten.
Praktisch heißt das: Wenn du herabgefallene Teile findest, schau dir an, ob es ein Halbrund-Firstziegel ist (lange, gewölbte Form) oder ein Mörtelbrocken. Firstziegel sind genormt geformt, Mörtelbrocken sind unregelmäßig — schon daran erkennst du, ob sich ein ganzer Ziegel gelöst hat oder „nur" die Vermörtelung aufgegeben hat. Beides ist ein Befund, aber ein gelöster Ziegel ist dringender, weil er bei Wind zum Geschoss wird.
Was ein gelockerter First konkret bedeutet
Ein offener oder verschobener First ist selten nur ein Schönheitsfehler. Über die Firstlücke dringt Schlagregen unter die Dachziegel, läuft an der Unterspannbahn entlang und kann die Konterlattung durchfeuchten. Bleibt das unbemerkt, fault die Lattung und im schlimmsten Fall der Dachstuhl im Firstbereich — eine Reparatur, die schnell vierstellig wird, während ein neu verlegter Trockenfirst im niedrigen dreistelligen Bereich liegt.
Typische Ursachen, die du beim Befund mitdenken solltest:

- Sturm: Sog reißt einzelne Firstziegel an. Oft erkennbar an einer scharf abgegrenzten Stelle, während der Rest sauber sitzt.
- Alter Mörtelfirst: Vermörtelte Firste der 80er und 90er Jahre verlieren nach 25-30 Jahren ihren Halt — Frost sprengt den Mörtel über die Jahre auf. Das ist ein Richtwert, kein fester Termin.
- Fehlende Firstklammern: Wurde der First nur gemörtelt, aber nicht zusätzlich verklammert, hebt der erste kräftige Sturm ihn an.
- Marder oder Vögel: Tiere schieben Lüftungsrollen beiseite, um in den Spitzboden zu gelangen.
Trockenfirst gegen Mörtelfirst
Die Bauart deines Firsts bestimmt, wie wahrscheinlich und wie häufig Lockerungen auftreten. Beim klassischen Mörtelfirst sitzen die Firstziegel in einem durchgehenden Mörtelbett. Das ist starr — und genau das ist das Problem: Holz und Dachstuhl arbeiten mit Temperatur und Feuchte, der starre Mörtel reißt mit den Jahren, Frost sprengt die Risse weiter auf, und irgendwann hält nichts mehr. Mörtelfirste sind außerdem dicht, was die Dachbelüftung behindert und Feuchte unter den Ziegeln staut.
Der moderne Trockenfirst arbeitet ohne Mörtel: Die Firstziegel werden auf einen Firsthalter und ein luftdurchlässiges, selbstklebendes Firstband geklemmt und zusätzlich mit Firstklammern gesichert. Das System ist flexibel, lüftet das Dach am höchsten Punkt und hält deutlich länger ohne Wartung. Wenn dein Befund einen alten Mörtelfirst zeigt, der schon an mehreren Stellen bröckelt, ist die Umstellung auf Trockenfirst meist die nachhaltigere Investition als ein erneutes Vermörteln, das in zehn Jahren wieder fällig wäre.
| Merkmal | Mörtelfirst | Trockenfirst |
|---|---|---|
| Befestigung | starres Mörtelbett | Firstband + Klammern |
| Dachbelüftung | behindert | integriert am First |
| Lebensdauer (Richtwert) | ~25-30 Jahre | ~40+ Jahre |
| Wartung | regelmäßig, Mörtel reißt | weitgehend wartungsfrei |
Selbst machen oder Fachbetrieb
Die Grenze ist hier eindeutig und sie heißt nicht "Werkzeug", sondern "Standort". Alles, was die Arbeit auf der Firstlinie verlangt — also praktisch jede echte Befestigung — gehört in die Hände eines Dachdeckers mit Gerüst oder Hubsteiger. Der Versuch, "nur kurz" einen Ziegel zurückzuschieben, ist die häufigste Ursache für Dachstürze bei Privatleuten.

Was du selbst sinnvoll erledigst, bleibt am Boden: die Diagnose, die Foto-Dokumentation, das Einsammeln heruntergefallener Teile als Beleg und die Klärung, ob ein Sturmereignis dahintersteckt. Letzteres ist wichtig, weil dann unter Umständen die Wohngebäudeversicherung greift, sofern der Sturm die nötige Mindeststärke erreicht hat. Den genauen Zeitpunkt und die gemeldete Windstärke kannst du mit dem Sturmschaden-Windstärke-Check nachvollziehen, und mit dem Dach-Lebensdauer-Rechner ordnest du ein, ob die Lockerung eher Verschleiß oder Schadenereignis ist.
Saison und Wetter als Auslöser einordnen
Der Zeitpunkt, an dem ein First sich meldet, verrät oft die Ursache. Nach einer Sturmperiode im Herbst und Winter häufen sich die Befunde, weil Sog und Druckwechsel an den gelockerten Ziegeln zerren. Frostphasen mit häufigem Tauwechsel setzen vor allem alten Mörtelfirsten zu: Wasser dringt in feine Risse, gefriert, dehnt sich aus und sprengt die Fuge ein Stück weiter auf — über mehrere Winter summiert sich das. Und nach langer Hitze kann sich ein vermörtelter First durch die starke Ausdehnung der Ziegel ebenfalls lösen.
Für die Versicherungsfrage ist diese Einordnung wichtig: Ein Schaden, der eindeutig auf ein einzelnes Sturmereignis zurückgeht, ist anders zu bewerten als allmählicher Verschleiß über Jahre. Notiere deshalb bei der Diagnose, wann dir die Lockerung erstmals aufgefallen ist und ob ein konkretes Unwetter davor lag. Diese Notiz ist später Gold wert, wenn ein Sachverständiger den Schaden einordnen soll.
Werkzeug für die Boden-Diagnose
Du brauchst für die reine Sichtprüfung erstaunlich wenig — und nichts davon erfordert Höhe. Ein lichtstarkes Fernglas mit acht- bis zehnfacher Vergrößerung zeigt dir einzelne Mörtelfugen aus 15 bis 20 Metern Entfernung. Eine Kamera mit Telezoom oder ein modernes Smartphone mit Periskop-Objektiv liefert datierte Fotos, die du später Stück für Stück am Bildschirm vergrößerst. Eine Drohne der Einsteigerklasse fliegt die Firstlinie in wenigen Minuten ab und filmt sie in 4K — danach scrollst du am Tablet in Ruhe durch jeden Ziegel. Und für den Blick von innen reicht eine starke Taschenlampe im Spitzboden: Wo Tageslicht durch eine Firstlücke fällt, ist die Stelle eindeutig offen.
Wichtig ist die Systematik. Fahre die komplette Firstlinie von links nach rechts ab, dann die Gratlinien, dann erst die Detailstellen. Wer wahllos auf die auffälligste Stelle springt, übersieht die zweite und dritte Lockerung — und genau die sind oft die teureren, weil sie länger unbemerkt durchnässen.
Was dich der Befund später spart
Die saubere Boden-Diagnose ist nicht nur Selbstschutz, sie ist auch dein bestes Argument gegenüber dem Fachbetrieb und gegebenenfalls der Versicherung. Wer mit datierten Fotos, einer Liste der betroffenen Stellen und dem zugeordneten Wetterereignis zum Dachdecker geht, bekommt ein zielgerichtetes Angebot statt einer pauschalen Dachbegehung auf Verdacht. Und wenn ein Sturm die Ursache war, ist die lückenlose Dokumentation die Grundlage dafür, dass die Wohngebäudeversicherung den Schaden überhaupt anerkennt.
| Befund vom Boden | Dringlichkeit | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| Einzelner Ziegel minimal schief, kein Regen im Spitzboden | niedrig | Foto, nach nächstem Sturm erneut prüfen |
| Mörtel bröckelt, mehrere Fugen offen | mittel | Dachdecker-Termin in den nächsten Wochen |
| First klafft, Ziegel fehlen, Feuchte im Spitzboden | hoch | zeitnah Fachbetrieb + Notabdeckung prüfen |
Wann es eilig wird
Ein einzelner leicht schiefer Ziegel bei trockenem Wetter ist beobachtbar — fotografiere ihn und kontrolliere nach dem nächsten Sturm. Akut wird es, wenn der First sichtbar klafft, mehrere Ziegel fehlen oder du im Spitzboden Feuchtigkeit, Wasserränder oder Tageslicht durch die Firstlücke siehst. Dann sollte zeitnah ein Fachbetrieb ran, bevor der nächste Regen die Lattung durchnässt. Ein weiteres Warnsignal ist ein hörbares Klappern oder Scheppern der Firstziegel bei Wind — bewegt sich der Ziegel akustisch, sitzt er definitiv lose und ist beim nächsten kräftigen Sturm ein Geschoss für Nachbargrundstück oder Gehweg. Mehr zur sturmbedingten Einordnung findest du in der Steildach-Befundübersicht.
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